Die Wahrheit der Zerrspiegel

Emans_BekenntnisDas ist ein erstaunliches Buch. An seinem Anfang steht eine Mordbeichte. Ein Mörder als Erzähler wäre noch nichts Ungewöhnliches, aber ich las mit wachsendem Interesse, weil dieser Willem Termeer mich durch seine Lebensgeschichte führte wie durch ein Kabinett aus Zerrspiegeln. Solche Räume belustigten zur Entstehungszeit des Romans – Ende des 19. Jahrhunderts – auf Jahrmärkten Jung und Alt, in den Tagen der „virtual Reality“ wirken sie antiquiert. Ganz anders dieser 1894 erschienene Roman. Der Holländer Marcellus Emants war seinerzeit er ein bekannter Autor, die deutsche Wikipedia kennt ihn (noch) nicht. Das sollte sich ändern.

Vor allem aus Genauigkeit gewinnt dieses Bekenntnis seine Anziehungskraft. Die unaufgeregte, bisweilen umständliche Sprache passt zur Hauptfigur, dem 35jährigen Willem Termeer: Er schildert das Geschehen nicht besonders spannungsvoll, pointenreich und farbig, er analysiert vielmehr akribisch das eigene Denken und Fühlen, ebenso das der Menschen um sich herum – und dabei wird seine verkrümmte, von Argwohn, Neid, mangelnder Empathie beherrschte Wahrnehmung deutlich. Das hat mich nicht nur am Lesen gehalten, es war fesselnder Stoff fürs Nachdenken über eigene Wahrnehmungsfehler. Den bekanntesten benennt schon die Bibel: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7, Vers 3). Dutzende Lebenssituationen offenbaren Penetranz und Facettenreichtum dieses verstellten Blicks, auch die Dialoge mit Eltern, mit der Ehefrau Anna, mit dem ehemaligen Pfarrer de Kantere, der die Krise zu entschärfen sucht, Anna verehrt, aber von ihr abgewiesen wird. Nur Annas Festhalten an ihrer Pflicht als Ehefrau – selbst nach dem frühen Tod ihres Kindes – ist heute schwer vorstellbar.

Emants‘ Kabinett der Seelen-Spiegel hielt mich über viele Seiten fest: Sie mögen verzerren, aber sie sind scharf, viel schärfer als die meisten heutigen Versuche von Journalisten und „Krimiautoren“, Psychogramme von Mördern zu zeichnen. Der Protagonist irrlichtert zwischen erwünschter, zugleich verhasster „Normalität“ und seiner wahnhaften Selbstüberhebung, bleibt dabei äußerlich unscheinbar, unauffällig in seinen Alltagsgewohnheiten, man mag ihn nicht, kommt ihm gleichwohl gefährlich nahe, auch das macht den Roman lesenswert – und aktuell.

Willem Termeer erzählt, wie er im Soziotop Schule gedemütigt wurde, sich als ausgegrenzter Versager fühlte, wie sich daraus ein Grundkonflikt entwickelt: Er will einerseits dazu gehören, andererseits wird er zunehmend vom Argwohn gegen alles „Normale“ besessen, das ihn ablehnt. Das Elternhaus ist weder Rückhalt noch Korrektiv. Dort gibt es eine Sicherheit ohne tieferes Interesse: Das Geld reicht, um aufkommende Probleme des Nachwuchses ignorieren zu können, aber es fehlen Zuneigung und Ziele, die den Jugendlichen an Verantwortung binden. Nichts weist übers gewohnte Maß hinaus. Als Willem absichtlich Prüfungen vergeigt, erhärtet die demütigende Aussprache mit Vater und Mutter nur die narzisstische Kränkung, der er sich schon anverwandelt hat: Er ist der immer zu kurz Kommende. Argwohn dominiert sein Denken und Tun – ein Vorgang von bestürzender Aktualität.

2002 zog sich Robert Steinhäuser, vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt verwiesener Schüler, eine schwarze Kapuze über, nahm eine Pistole, erschoss 15 Mitschüler und Lehrer, am Ende sich selbst. Er sah sich gedemütigt, ungerecht behandelt, unterschätzt. Er wollte „es allen zeigen“ – und wurde tatsächlich überlebensgroß, wenn auch nur für die kurzen Bildsequenzen, in der Medien eine solche Sau heute durchs Dorf treiben, sie allenfalls zu Jahrestagen oder zum Vergleich mit anderen amokhaften Verbrechen servieren. Willem Termeer verkündet, dass der Mord an seiner Frau Anna ein Aufschrei gegen die Welt der „normalen“ Menschheit sein solle, von der sie mit ihrem Verständnis von ehelichem Zusammenleben nur eine Exponentin gewesen sei.

Gregor Seferenz hat den Roman aus dem Niederländischen übersetzt. John Maxwell Coetzee hat zum Roman ein kluges Nachwort geschrieben, das Biographie, Motive und Stil des Autors erörtert. Der Nobelpreisträger hält autobiographisches Erleben für eine unverzichtbare Quelle des Schreibens, Emants ist gewiss ein gutes Beispiel: Aus seinen drei Ehen dürfte er reichlich geschöpft haben. Wie seine Romanfigur Termeer hat er die berufliche Ausbildung abgebrochen, konnte vom Geld der Eltern leben, schaffte es allerdings in die Öffentlichkeit, anders als sein „Held“, dessen autobiographisch gefärbte Novelle vom Verlag wegen „Bedeutungslosigkeit“ abgelehnt wird. „Die Novelle war eine schonungslose Offenbarung meiner geheimsten Gefühle“, meint der und hält es für eine „Verurteilung meines gesamten Seelenlebens“, zurückgewiesen zu werden. Nicht nur damit spielt Emants auf die narzisstischen Antriebe jeglicher Künstlerschaft an. Selbstironisch lässt er Termeer nach einem Theaterbesuch seines Stückes „Der Artist“ urteilen, es habe „aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem Künstler und mir einen tiefen Eindruck“ hinterlassen.

Mich beeindruckte Emants‘ Roman wegen der psychologisch präzisen Innenansicht einer Person, die heute so real erscheint wie vor 120 Jahren. Die Ausgabe von Manesse gefiel mir auch deshalb, weil sie Lesern Anmerkungen an die Hand gibt, wenn im Buch kaum mehr geläufige Begriffe des Fin de Siècle auftauchen.

Marcellus Emants

„Ein nachgelassenes Bekenntnis“

Manesse Verlag, 26,95 €

Der “Raketenschirm” hat Premiere

Suhl - Blick aufs StadtzentrumMit großer Freude darf ich das Erscheinen des Romans "Raketenschirm" ankündigen. Premiere ist am

14. März 2013, 19:30 Uhr im Buchhaus Suhl, Friedrich-König-Str. 22

 

Hier schließt sich der Kreis: das Bild zeigt mitten in der Stadt den grünen Hügel, auf dem “Bornmüllers Türmle” steht, Denkmal, Landmarke, literarischer Ort.

Mit "Raketenschirm" endet die Romantrilogie "Wolkenzüge"; zugleich wird ihr erster Teil "Blick vom Turm", der seit dem Sommer 2012 vergriffen und derzeit nur als E-Book erhältlich ist, neu aufgelegt. Der Premiere folgt eine Reihe von Lesungen und Veranstaltungen, beginnend am

  • 16. März 2013 anlässlich der Leipziger Buchmesse 13 Uhr in der Buchhandlung Hugendubel, Petersstraße 12.

Über weitere für 2013 geplante Termine u.a. im DDR-Museum Berlin, in der Stadtbibliothek Baden-Baden, der Stiftsbuchhandlung Nottuln halte ich hier weiter auf dem Laufenden.

Wer eine meiner Veranstaltungen besucht, darf  erwarten, dass auch der "Raketenschirm" nicht einfach als Lesung starten wird. Stellen Sie sich einen unterhaltsamen Abend vor, bei dem Sie von Rollenfiguren aus Thüringen, Berlin, Sachsen, dem Ruhrgebiet und Baden auf eine Zeitreise durch 40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte mitgenommen werden, zu "Literatur im Spiel". Einen Eindruck davon gibt "ein Berliner Währungsspekulant" in einem kurzen Videoclip aus "Babels Berg", dem zweiten Teil der Trilogie.
Wer selbst "Literatur im Spiel" in seiner Nähe erleben möchte, frage einfach direkt bei mir an oder kontaktiere mich über das Zeitzeugenportal.

Das Quotenbesäufnis

Caspar_David_Friedrich_006Natürlich hatten sie vollkommen Recht, die Herren Hauptabteilungs-, Abteilungs- und der kommissarische Redaktionsleiter (er brachte es trotz wirklich beachtlicher Leistungen als Radfahrer nie zum etatmäßigen), als sie mir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Stuhl vor die Tür setzten und meinen Vertrag als “fester Freier” nicht verlängerten: einen Nörgler, Quertreiber, Nestbeschmutzer kann eine Anstalt auf dem Weg zur quotenoptimierten Stromlinienform nicht brauchen.

Das traf mich damals hart, meine Einnahmen schrumpften von 100 auf 30%, obendrein gestaltete die Anstaltsbürokratie das Ende eines solchen “Rahmenvertrags” zu einem juristisch makellos abgesicherten “Ende mit Schrecken” aus: Der Verbannte durfte von keiner anderen Redaktion des Senders beschäftigt werden – das bedeutete: zwischen Trier und Heidenheim an der Brenz, Mainz und Friedrichshafen nahm kein Hund mehr ein Stück Brot von mir, falls seine Versorgung irgendwie mit dem SWR zu tun hatte. Ich bin trotzdem nicht sicher, ob sich das Fernsehen von diesem aufwendig und radikal vollzogenen Befreiungsschlag gegen einen penetranten Störenfried bis heute erholt hat.

Es war nicht der erste Hinauswurf meines Lebens. Die finanziellen Einbußen brachten mich für Jahre ins Schleudern, sie demolierten obendrein meine Altersversorgung: Im Gegensatz zur Rente für gut angepasste DDR-Bürger ist meine wegen jahrelanger Berufsverbote im Arbeiter- und Bauernstaat sowieso erbärmlich. Besonders ernst nahm ich diesen Hinauswurf indessen aus anderen Gründen: Die Schikanen des Ostens hatte ich unter anderem deshalb verkraftet, weil ich eine demokratische Öffentlichkeit für wünschenswert hielt und der marxistisch-leninistischen Form von Volksverblödung mit der Überzeugung entgegentrat: es geht auch anders, und das kann man bei den Anstalten des Westens sehen.

Das war ein Irrtum. Misstrauisch wurde ich spätestens an dem Tag, als der Fernsehdirektor verkündete, man habe „trinkbare Informationen“ zu liefern. Das hat funktioniert. Das Programm ist ein einziges Besäufnis: Bier zum Fußball, Wein – halbtrocken zur Volksmusik, trocken zur Talkrunde –, bunte Cocktails für bunte Serien, nette Filmchen, Prosecco für den Boulevard am Vorabend, süffig! Der Rest ist nur mit viel Schnaps zu ertragen. Vor allem die Gesundheitsratgeber. Süffig. Fast schon ein Glück, dass nicht mehr alle mitsaufen wollen. Die Zeche zahlen sie trotzdem.

Ich bin draußen – ich bin froh. Finanziell geht’s mir schlecht, aber ich habe seit dem Rauswurf drei Bücher veröffentlicht, das vierte ist fertig. Sie gehören nicht zum süffigen Teil des enormen Ausstoßes an Gedrucktem, aber sie sind ihr Geld wert – im Gegensatz zu dem, was mir auch künftig die GEZ abknöpfen wird. Das Beste: meine Leser bezahlen freiwillig.

Das Theater und das Lächeln der Mona Lisa

Im Prado ist gerade eine Kopie der berühmten “Gioconda” von Leonardo da Vinci aufgetaucht. Gemalt hat sie wahrscheinlich einer seiner Schüler. Das Lächeln indessen – millionenfach in der Welt – kann niemals eine Kopie sein. Hierzu eine Textprobe aus dem “Raketenschirm”

Gustav blinzelte von seinem zerwühlten Nachtlager aus, zwischen Wedeln der aus einem Dattelkern selbst gezogenen Palme hindurch, zu den Ahnenporträts an der Wand. Sie waren über Jahrzehnte in einer Kiste auf dem Dachboden der Herrengasse 10 in Lauterberg verstaut gewesen, in den schwarzen Rahmen waren Holzwürmer unterwegs. Diese Bilder waren das einzige, was er aus seiner Kindheit in sein Berliner Domizil hinübergerettet hatte.

Sonnenkalb Porträtiert waren die Urgroßeltern seiner Ururgroßmutter, sie hatten ziemlich genau 200 Jahre zuvor in Naumburg an der Saale gelebt, blickten ihn fast in jedem Winkel des Zimmers an: der Herr Apotheker Sonnenkalb mit Perücke, Kragenbinde in rotem Rock auf düsterem Grund und seine Frau, so undurchsichtig lächelnd wie die Gioconda. Sollte der unbekannte Naumburger Porträtmaler an das berühmte Vorbild gedacht haben, so ließen Nase und Kinn seines Modells, die allzu große Stirn, die wasserblauen Augen es zur Persiflage werden.

Dennoch nahm die recht eigentlich herbe Frau Gustav durch ihren undurchschaubaren Gesichtsausdruck für sich ein. Das Lächeln milderte ihre Strenge, gab aber nichts, nicht einmal mütterliche Züge preis.

Für einen Moment ahnte der verkaterte Regiestudent wieder etwas vom Geheimnis des Schauspiels: Man musste möglichst genau den Strömen seiner inneren Erzählung folgen, dabei hellwach in die Umgebung hineinspüren, auf sie spontan, intuitiv, mit einer gewissen Unschärfe reagieren, die aktuelle Wirklichkeit der Bühne in unvorhersehbare Möglichkeiten eines ungeschehenen Lebens verwandeln, wiederholbar und unwiederholbar zugleich. Er erinnerte sich an Tines Geschichte vom verlorenen Ball: vom Fluss davongetragen, hatte er in ihrer Kinderzeit einen Wirbel aus Trennungsschmerz hinterlassen. Sie konnte diesen Wirbel ansteuern, der Schwarm der Mitspieler auf der Bühne und im Zuschauerraum folgte ihr. Was den Schwarm an Tines Führung band: er wurde in eine Richtung mitgenommen, die ihm vertraut erschien. Emotionen wurden eingestimmt auf etwas, das folgen musste – etwas Komisches, etwas Tragisches. Die Erwartungen ließen sich erfüllen oder durch eine Überraschung brechen – soweit wurde das Handwerk des Theaters von vielen Schauspielern beherrscht, sogar von manchen Regisseuren. Tines Spiel aber eröffnete unvorhersehbare Blicke, gab Rätsel auf, ließ Geheimnisse ahnen, Unvorstellbares vorstellbar werden gegen die Erwartungen, es verstörte Gewohnheiten. Sie gehörte keinem Schwarm an, jeder aber würde ihr folgen.

Das „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“, wie es der Institutsdirektor gern propagierte, mit einem klaren, rational fassbaren Auftrag, erschien Gustav Horbel dagegen wie ein Aquarium ohne Wasser. Freilich: die Fische darin waren immer noch Fische – rein wissenschaftlich betrachtet. Aber er begann zu verstehen, dass sich Wissenschaft nur dann der Kunst verbinden konnte, wenn sie sich mit der verzweifelten Kraft, mit der unbezwingbaren Sensibilität der Kreatur wappnete, die Hand vom Geländer frei bekam, sich von der Wand im Rücken abstieß, ins furchterregende Elixier des Lebens stürzte, eintauchte ins Reich der Angst, des Todes und der Liebe. Es war das Wagnis, alles zu verlieren, um sich in der Welt zu finden.

 

Bis zur Vergasung

Chemische Formel des Giftgases Tabun

Dass die Armeen beider Seiten im Kalten Krieg nicht nur Gedankenspielchen mit der Hundertausend-Tote-Technik machten, war mir nicht neu. Da unterm “Raketenschirm” nicht nur der kleine Gustav, sondern jede Menge Kriegsgerät zu finden ist, entdecke ich dennoch bei Recherchen manch schauriges Detail. So auch in zwei Ausgaben des “Spiegel” aus dem Jahr 1978.

Ich habe hier diese Artikel – sie erschienen unter dem Titel “Giftwolken – dort wäre die Hölle los” – vom 12.6.1978 bzw. vom 19.6.1978 verlinkt.

Nach Lektüre wächst die Überzeugung, dass die vielen Massen-Vernichtungs-Pläne nur deshalb um Haaresbreite an uns und anderen Erdteilen vorbeigegangen sind, weil  der liebe Gott dem Menschen neben dem Erfindergeist auch einen unüberwindlichen Hang zur Schlamperei und manchen sogar den Mut mitgegeben hat, nicht einfach Plänen und Befehlen zu folgen.

Beängstigend bleibt, dass andere bereit sind, aus schierer Bequemlichkeit mitzumarschieren – bis zur Vergasung.

Erst abstürzen, dann abfliegen

 

Es hat eine Weile gedauert, ehe ich mich traute, zu diesem Buch etwas zu schreiben.

Als mir Hans Zengeler seinen “Traumtänzer” in die Hand drückte, hatten wir ziemlich viel miteinander geredet und geraucht, wir hatten uns über Vorlieben ausgetauscht und Aversionen, wir wussten beide, dass wir die Texte des anderen schätzen. Wir gehören derselben Generation an, wir haben beide einige Erfahrung in der Rolle des Taugenichts; der eine sein ganzes Leben im Westen Deutschlands, der andere fast zwei Drittel im Osten. Den “Traumtänzer” habe ich gleich im Zug von Ludwigsburg nach Baden-Baden angefangen; es war eine kurzweilige Reise, danach habe ich ihn nicht aus der Hand gelegt, ehe ich Hans Zengeler per facebook mitteilen konnte, wie sehr mir das Buch gefallen, dass ich bisweilen den Eindruck hatte, wir beide haben über all die Jahre von 1968 bis heute aufeinander zu geschrieben. Aus so einer Stimmung heraus kann man keine Kritik schreiben, jedenfalls keine “objektive”.

Daran denke ich auch gar nicht. “Objektivität” ist mir verdächtig. Aber mit dem Abstand von ein paar Monaten habe ich mir das Buch aus dem Jahr 1993 nochmal vorgenommen, das Vergnügen war ungeschmälert, deshalb führe ich hier einfach auf, was mir so sehr gefällt:

Witz und die Selbstironie, mit denen da einer über doppelte und dreifache Böden von Erfundenem und Erlebtem hopst, und wenn die Böden unter ihm bersten – das passiert andauernd –, dann wird das Räderwerk des “geordneten Lebens” sichtbar, ächzt und knarrt. Mich muss keiner dazu agitieren, diesem Räderwerk weiträumig auszuweichen, aber es ist schon was Besonderes, haarklein bestätigt zu bekommen, dass sich Hebel, Zähne, Muttern und Schrauben der Mechanik in Ost und West nur wenig unterscheiden.

Was mir aus der DäDäÄrr-Ferne schon ziemlich eingeleuchtet hatte, seit geglückter Ausbürgerung aus dem “Arbeiter-und-Bauern-Staat” immer deutlicher vor die Linse kam, kriegt in Zengelers Nahaufnahme eine überaus komische, gerade in diesen Tagen brandaktuelle Schärfe: die Revoluzzer von heute sind die Despoten von morgen (naja, das ist jetzt mit all den Erfahrungen von Revolutionen nicht überraschend, wirkt aber in Bezug aufs 68er Personal unwiderstehlich auf die Lachmuskeln).

Fernsehen ist dumm, macht dumm und strebt darin weiter zum Punkt höchster Vollendung.

Wenn einer schon histrionisch begabt ist, sollte er nicht erwarten, in sicheren Fahrwässern schwimmen zu können. Er braucht Strudel, Turbulenzen und Geschichten mit offenem Ausgang – immer neue jedenfalls, mit immer neuen Rollen fürs Ego. Wenn er Glück hat, ist er am Ende. Dann aber zufrieden.

 

Hans Zengeler: “Traumtänzer”

Dahlemer Verlagsanstalt

http://goo.gl/Lwo75

Weihnachten zu Hause

Kerzen wie in Kindertagen

Die Lichter der Kindheit


Was hat man nicht alles über die zum Konsumwahntempeldienst verkommene Feier von Christi Geburt lesen können! Wie schon ihr Herannahen depressive Schübe begünstigt, wie aufgestaute innerfamiliäre Konflikte unterm Christbaum durch die kitschselige Oberfläche brechen, wie gesundheitsschädlich Fressorgien und Alkoholexzesse sind, wieviele brennende Weihnachtsbäume alljährlich das Elend dieser Welt vermehren.
Und? Hat es geholfen?
Mir nicht. Mir ist Weihnachten vor allem eine Zeit der Erinnerungen: an Licht in dunklen Zeiten. Der Rummel geht an mir vorbei, irgendein Rummel ist sowieso immer. Der Alternde ist froh, nicht dabeisein zu müssen. Als Kind, als Jugendlicher wollte ich bei allerlei Rummel unbedingt dabeisein; das Weihnachten meiner frühesten Erinnerungen hat damit nichts zu tun. Über ihm stehen die Worte „Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachts …“, nein, das dritte Wort war nicht „Eierkuchen“. Es war ein Wort, das der alte Pfarrer, ein Orator vor dem Herrn, in der Heiligabend wie sonst nie gefüllten Kirche dem Publikum abverlangte. Dem Publikum, denn „Gemeinde“ waren ja nur wenige, die dem antireligiösen Staatswesen widerstanden, nicht nur aus religiösen Motiven.
Das dritte Wort ist das eigentliche, für mich mit Weihnachten seither verbundene. Es hat mich mit dem Gesicht meiner Großmutter, mit dem meiner Mutter und Schwester zeitlebens begleitet, dafür bin ich dankbar. Dass wir in den Mangeljahren – und die 50er waren eine Zeit des Mangels im Osten – uns über Geschenke womöglich viel mehr freuen konnten, als dies Kinder heute tun, gehört dazu, denn das Schenken kam nicht aus dem Überfluss, sondern aus dem Verzicht und der Entbehrung. Das Teilen machte es kostbar.
Man könnte womöglich diese Freude am Teilen wiederfinden, ohne dass die Not des Nachkrieges dazu die Voraussetzungen schaffen müsste – oder?