In Zeiten politischer Stempelkästen

Über dem Geräusch der rinkslechten oder lechtsrinken Empörungsmaschinerie wird das Verständnis von Gemeinsinn und Demokratie langsam unhörbar. Darum stelle ich einen weiteren Abschnitt aus “Der menschliche Kosmos” online. Manche Gedanken (das Buch erschien 2006) werden inzwischen von Jüngeren aufgegriffen und weitergeführt. Kritik allseits erwünscht – Meinungsfreiheit wird zu einem umso kostbareren Gut, je lauter das Pöbeln der Fanatiker auf Straßen und in digitalen Räumen dröhnt.
Linke“ oder sonstwie „kapitalismuskritisch“ Bewegte mit ihrem unerschütterlichen Sinn für soziale Gerechtigkeit wandeln gern auf bequemem Sport- oder Outdoor-Schuhwerk (egal ob Marke oder nicht: fast alles kommt aus Billiglohnländern) zu amtlich genehmigten, völlig gefahrlosen Demonstrationen gegen „die Globalisierung“. Von dort führt sie der Weg an die Imbissbude; sie verzehren billige Lebensmittel und trinken Coca-Cola. Wenn sie Pech haben, stecken in Würsten und Frikadellen große Anteile verdorbenen Fleisches. Die Lebensmittelbehörde kann nicht überall sein; auch für den fleischverarbeitenden Betrieb ist Geiz geil und wer sich an Regeln hält, blöd.
Abends sehen sich die Kämpfer für soziale Gerechtigkeit selbst mit ihren Fahnen und Spruchbändern im Fernsehen und sind sehr zufrieden. Anschließend dürfen sie sich über die billigen rumänischen Arbeitskräfte in Wurstfabriken und den neuesten Lebensmittelskandal ereifern und schreien nach härteren Regeln und Strafen. Sie fordern noch mehr behördliche Aufsicht und Schutz der einheimischen An-Gestell-ten vor ausländischem Lohndumping. Das hindert sie natürlich keineswegs, das Panier gegen zuviel staatliche Überwachung zu schwenken. Rühren lassen sie sich gern von „investigativen“ Geschichten über deutsche Kinder, die in Ostberliner Plattenbauten „unter der Armutsgrenze“ leben. Erschüttert blicken sie in eine 80-Quadratmeter-Wohnung, wo nichts als Couchgarnituren, Betten, Fernseher, Waschmaschine, Kühlschrank, etliche Spielsachen und sonstige Segnungen der Konsumgesellschaft von schreiendem Elend künden und eine sichtlich hingebungsvoll dem Bacchus huldigende Mutter mit der Zigarette in der Hand erklärt, sie müsse halt ihre fünf Kinder zur kirchlichen Suppenküche schicken, weil am Monatsende einfach kein Geld fürs Essen da sei. Bücher sind in dem „Elendsquartier“ nicht zu sehen.
Es ist in all den von Sozialkitsch strotzenden Mitleidsfilmchen und -artikelchen auch nie von der eigentlichen Armut die Rede, unter der die Kinder leiden: von der geistigen und emotionalen Armut einer Gesellschaft, die Vermögen nur in Geld, Glück nur in den Lebensumstand fasst „Arbeit zu haben“, was eigentlich meint: an-gestellt zu sein. Die Wortwahl aber ver-stellt die Verhältnisse: Im Englischen ist die saufende Mutter, die offensichtlich wenig davon hält, ihre Zeit mit Arbeit am sozialen Vermögen ihrer Kinder zu füllen, „un-employed“, also „nicht angestellt“. Im Deutschen ist sie arbeitslos. Was für ein Unglück, und was für ein schlagendes Argument zugunsten der Fürsorgeindustrie!
Wir kommen hier dem ganzen Wahn der „sozialen Sicherungssysteme“ auf die Schliche. Wer oder was soll wogegen gesichert werden? Menschen gegen Hunger und Durst, Kälte, Krankheit, soziale Isolation. Sehr einsichtig. Aber Angst vor derart elementaren Bedrohungen muss hierzulande kaum noch jemand haben. Sollen Menschen auch dagegen versichert werden, für sich und andere Menschen Verantwortung übernehmen zu müssen? Darauf läuft es hinaus. Die Stärke der Gemeinschaft zugunsten der Schwachen einzusetzen – das war das Ziel der sozialen Korporationen; sie nahmen dabei nur die natürliche Strategie von Schwärmen und Herden auf. Aber deren Ein-stellung auf mechanische Denk- und Organisationsstrukturen, wo jeder „Störung“ mit dem Hebelzug an korporativen Machinstrumenten oder nötigenfalls dem Einbau weiterer Hebel und Zahnräder begegnet wird, hat monströse Gestelle heranwachsen lassen: Kranken-, Renten-, Arbeitslosen-, Lebens-, Unfall-, Rechtsschutz-, Haftpflicht-, Hausrat-, Glasschutz-, Feuer- und zahllose weitere Versicherungen, die ihrerseits gegen Risiken rückversichert sind.
Der Hauptzweck, Menschen gegen unkalkulierbare Lebensrisiken zu schützen, ist gegenüber der Selbsterhaltung oder gar dem Gewinnstreben dieser Unternehmen längst zur Nebensache geworden. Die Versicherungsnehmer üben ihre Art „sozialer Gerechtigkeit“: Ein kleiner privater Zugewinn nebenbei durch einen Versicherungsbetrug zu Lasten der anderen Prämienzahler wird von vielen ohne Gewissensbisse „organisiert“. Und wer sich versichert, tut’s nicht gegen Naturkatastrophen, sondern hauptsächlich gegen andere Menschen. Die Rechtsschutzversicherungen boomen. Was die Kassen der Assekuranzen zum Klingen bringt, ist vor allem die Angst, auf Hilfen anderer Menschen angewiesen zu sein. Das mächtige Gestell soll stattdessen alle Probleme lösen.
Dank dieser universellen Versicherungsstrategie ist die Gesellschaft inzwischen vor allem durch Angst gesteuert: Rund um die Uhr leiern die Medien ihre Gefährdungslitanei, „the German Angst“ hat lächerliche Berühmtheit. Unsere Nachbarn wissen immer noch nicht genau, ob sie über uns lachen oder uns fürchten sollen.
Zögert überhaupt noch jemand, seinen Besitzstand, egal welcher Form, zu sichern, indem er jedes nur irgend verfügbare korporative Instrument nutzt? Ob es um die Karriere in Politik, Behörde oder Großunternehmen geht oder um nachbarschaftliche Beziehungen – wer kann, setzt seine Ziele mittels korporativer Macht durch. Wer sich von Partymusik gestört fühlt, klingelt nicht beim Nachbarn, er ruft die Polizei. Die vom Ehemann betrogene Schauspielerin mobilisiert die Presse, um ihr höchst privates Leiden in den Rang einer gesellschaftlichen Katastrophe zu erheben.
Gut in Erinnerung ist der öffentlich-rechtliche Talkmaster mit der Lizenz zum Denunzieren. Er bezahlte Drogen und Prostituierte mit Geldern aus Gebühren, den Zuschauern abgefordert für die von der Verfassung vorgesehene „kulturelle Grundversorgung“. Die Gebühreneintreiber und -verwalter schreiben weiterhin vor, womit versorgt wird und lassen es sich von einer an-Gestellten Medienforschung bestätigen, die natürlich ebenfalls von Gebührengeldern lebt. Mit diesem Segen durfte sich der amoralische Großdenunziator im Fernsehen unverfroren als Megamoralist präsentieren – er brachte Quote. Seine Lebensgefährtin, gut bekannt für Quoten im „Schmuddel-TV“, ließ er auch gleich mit einem gut dotierten Sendeplatz versorgen. Und der Oberhäuptling der Anstalt finanzierte sich aus Gebühren eine ganz sicher kulturvolle Geburtstagsfeier im Luxushotel. Fast zur selben Zeit deckte ein „investigatives“ Magazin des Senders „schonungslos“ auf, wie Personalräte die Macht ihres Autokonzerns zu Lustreisen nutzten.
Unfälle? Zufälle?

Die Wahrheit der Zerrspiegel

Emans_BekenntnisDas ist ein erstaunliches Buch. An seinem Anfang steht eine Mordbeichte. Ein Mörder als Erzähler wäre noch nichts Ungewöhnliches, aber ich las mit wachsendem Interesse, weil dieser Willem Termeer mich durch seine Lebensgeschichte führte wie durch ein Kabinett aus Zerrspiegeln. Solche Räume belustigten zur Entstehungszeit des Romans – Ende des 19. Jahrhunderts – auf Jahrmärkten Jung und Alt, in den Tagen der „virtual Reality“ wirken sie antiquiert. Ganz anders dieser 1894 erschienene Roman. Der Holländer Marcellus Emants war seinerzeit er ein bekannter Autor, die deutsche Wikipedia kennt ihn (noch) nicht. Das sollte sich ändern.

Vor allem aus Genauigkeit gewinnt dieses Bekenntnis seine Anziehungskraft. Die unaufgeregte, bisweilen umständliche Sprache passt zur Hauptfigur, dem 35jährigen Willem Termeer: Er schildert das Geschehen nicht besonders spannungsvoll, pointenreich und farbig, er analysiert vielmehr akribisch das eigene Denken und Fühlen, ebenso das der Menschen um sich herum – und dabei wird seine verkrümmte, von Argwohn, Neid, mangelnder Empathie beherrschte Wahrnehmung deutlich. Das hat mich nicht nur am Lesen gehalten, es war fesselnder Stoff fürs Nachdenken über eigene Wahrnehmungsfehler. Den bekanntesten benennt schon die Bibel: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7, Vers 3). Dutzende Lebenssituationen offenbaren Penetranz und Facettenreichtum dieses verstellten Blicks, auch die Dialoge mit Eltern, mit der Ehefrau Anna, mit dem ehemaligen Pfarrer de Kantere, der die Krise zu entschärfen sucht, Anna verehrt, aber von ihr abgewiesen wird. Nur Annas Festhalten an ihrer Pflicht als Ehefrau – selbst nach dem frühen Tod ihres Kindes – ist heute schwer vorstellbar.

Emants‘ Kabinett der Seelen-Spiegel hielt mich über viele Seiten fest: Sie mögen verzerren, aber sie sind scharf, viel schärfer als die meisten heutigen Versuche von Journalisten und „Krimiautoren“, Psychogramme von Mördern zu zeichnen. Der Protagonist irrlichtert zwischen erwünschter, zugleich verhasster „Normalität“ und seiner wahnhaften Selbstüberhebung, bleibt dabei äußerlich unscheinbar, unauffällig in seinen Alltagsgewohnheiten, man mag ihn nicht, kommt ihm gleichwohl gefährlich nahe, auch das macht den Roman lesenswert – und aktuell.

Willem Termeer erzählt, wie er im Soziotop Schule gedemütigt wurde, sich als ausgegrenzter Versager fühlte, wie sich daraus ein Grundkonflikt entwickelt: Er will einerseits dazu gehören, andererseits wird er zunehmend vom Argwohn gegen alles „Normale“ besessen, das ihn ablehnt. Das Elternhaus ist weder Rückhalt noch Korrektiv. Dort gibt es eine Sicherheit ohne tieferes Interesse: Das Geld reicht, um aufkommende Probleme des Nachwuchses ignorieren zu können, aber es fehlen Zuneigung und Ziele, die den Jugendlichen an Verantwortung binden. Nichts weist übers gewohnte Maß hinaus. Als Willem absichtlich Prüfungen vergeigt, erhärtet die demütigende Aussprache mit Vater und Mutter nur die narzisstische Kränkung, der er sich schon anverwandelt hat: Er ist der immer zu kurz Kommende. Argwohn dominiert sein Denken und Tun – ein Vorgang von bestürzender Aktualität.

2002 zog sich Robert Steinhäuser, vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt verwiesener Schüler, eine schwarze Kapuze über, nahm eine Pistole, erschoss 15 Mitschüler und Lehrer, am Ende sich selbst. Er sah sich gedemütigt, ungerecht behandelt, unterschätzt. Er wollte „es allen zeigen“ – und wurde tatsächlich überlebensgroß, wenn auch nur für die kurzen Bildsequenzen, in der Medien eine solche Sau heute durchs Dorf treiben, sie allenfalls zu Jahrestagen oder zum Vergleich mit anderen amokhaften Verbrechen servieren. Willem Termeer verkündet, dass der Mord an seiner Frau Anna ein Aufschrei gegen die Welt der „normalen“ Menschheit sein solle, von der sie mit ihrem Verständnis von ehelichem Zusammenleben nur eine Exponentin gewesen sei.

Gregor Seferenz hat den Roman aus dem Niederländischen übersetzt. John Maxwell Coetzee hat zum Roman ein kluges Nachwort geschrieben, das Biographie, Motive und Stil des Autors erörtert. Der Nobelpreisträger hält autobiographisches Erleben für eine unverzichtbare Quelle des Schreibens, Emants ist gewiss ein gutes Beispiel: Aus seinen drei Ehen dürfte er reichlich geschöpft haben. Wie seine Romanfigur Termeer hat er die berufliche Ausbildung abgebrochen, konnte vom Geld der Eltern leben, schaffte es allerdings in die Öffentlichkeit, anders als sein „Held“, dessen autobiographisch gefärbte Novelle vom Verlag wegen „Bedeutungslosigkeit“ abgelehnt wird. „Die Novelle war eine schonungslose Offenbarung meiner geheimsten Gefühle“, meint der und hält es für eine „Verurteilung meines gesamten Seelenlebens“, zurückgewiesen zu werden. Nicht nur damit spielt Emants auf die narzisstischen Antriebe jeglicher Künstlerschaft an. Selbstironisch lässt er Termeer nach einem Theaterbesuch seines Stückes „Der Artist“ urteilen, es habe „aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem Künstler und mir einen tiefen Eindruck“ hinterlassen.

Mich beeindruckte Emants‘ Roman wegen der psychologisch präzisen Innenansicht einer Person, die heute so real erscheint wie vor 120 Jahren. Die Ausgabe von Manesse gefiel mir auch deshalb, weil sie Lesern Anmerkungen an die Hand gibt, wenn im Buch kaum mehr geläufige Begriffe des Fin de Siècle auftauchen.

Marcellus Emants

„Ein nachgelassenes Bekenntnis“

Manesse Verlag, 26,95 €

Charme und Widersetzlichkeit weißer Bürsten

Winfried KretschmannNormalerweise äußere ich mich nicht zu politischen Verhältnissen, aber ‪#‎Kretschmann‬ (foto By GRÜNE Baden-Württemberg [CC BY-SA 2.0] ) gefällt mir. Das hat nichts mit gemeinsamen Äußerlichkeiten (weiße Bürste, Brille) zu tun, eher mit seiner ausgeruhten Art, Journalisten (wie mich) zu veralbern, ohne dass sie es merken („Leben und leben lassen“). Dass er sich nicht am Merkel-Bashing beteiligt, sondern uns – nicht nur im Ländle – den Rücken für kommende Konflikte stärkt, weil er das Vertrauen der Wähler als Vertrauen in die Kraft seiner Landsleute zurückwirft, macht ihn für mich völlig zu Recht zu einem „Landesvater“. Das ist eine Qualität, die von der quotenträchtigen Skandalhysterie beinahe ausgerottet wurde: Stinkkonservativ und den Landsleuten verbunden wie Heuss, Adenauer, von Weizsäcker, Lothar Späth, Erwin Teufel. Und an dieser Stelle ist mir die politische Farbenlehre genau so völlig wurst wie schon immer, wenn es um Qualität ging und nicht um Quoten, Umfragen, schicke Zeitgeistperformance und Bündnisse mit vermeintlichen Heilsbringern. Mag sein, dass der vaterlos Aufgewachsene an diesem Punkt besonders empfänglich ist.

Die Macht der Träume

IMG_0317Wie kostbar diese jenseitigen Welten sind. Das Bewusstsein befasst sich dort nur noch eingeschränkt mit unmittelbaren Reizen; es wird vom Unbewussten, vom Erinnern, von Wünschen und Ängsten bewegt. Es muss ihnen folgen in gegenstandslose, phantastische, manchmal furchterregende Geschehnisse. Was im Alltag nicht zu merken ist – dass hinter Entscheidungen nur selten vernünftiges Abwägen steht – wird hier und jetzt universelles Programm. Alles ist möglich. Es muss nur einen Kondensationskeim geben, an den sich chaotisch schweifende Erinnerungen anlagern können, egal ob sie frühkindlichem Erleben oder einer Fernsehserie entspringen. Von diesem Keim aus vernetzen und verweben sich Landschaften, Figuren, Situationen innerhalb von Hundertstelsekunden. Sie sind flüchtig, aber sie können stärker wirken als real Erlebtes.

Hirnforscher wollen aufklären, was da “wirklich” geschieht. Sie wollen mittels hochpräziser Messung elektromagnetischer, hormoneller, zellbiologischer Abläufe die Traum und Gedankenwelten vermessen. Aber dieses “wirklich”  bedeutet doch immer nur, dass aus apparativ begrenzten Methoden des Erfassens von Daten Modelle konstruiert werden. Diese Modelle müssten in irgendeiner Form verifizierbar sein – etwa indem man aus mit ihrer Hilfe entworfenem elektromagnetischen Geschehen einen vorhersagbaren Traum entstehen ließe, also einen Film ins Traumgeschehen einspielte, dem der Träumer nicht entfliehen kann.

So etwas ist der Traum aller Despoten, Geheimdienste, vieler Produzenten mehr oder weniger schlechter Sci-Fi-Texte, Filme, Spiele. Vermutlich steckt schon viel Geld in einschlägigen Forschungen. Ihre Konsequenzen gehen – was  ökonomische und politische Macht anlangt – über Kernkraft, Gentechnik, IT und Internet hinaus. Sie verschärfen alle Fragen nach menschlicher Verantwortung bis tief ins Persönliche. Stirbt infolge solcher “digitaler Transparenz” des Individuums nicht jedes Vertrauen, sogar das zu sich selbst?

Einstweilen freue ich mich an allen Abenteuern, zu denen ich ins Universum der Träume eingeladen – oder sollte ich besser sagen: entführt? – werde. Manchmal freue ich mich auch, von dort unversehrt zurückzukehren in eine Realität voller Überraschungen. Gott sei Dank wird sie sich nie ganz kontrollieren lassen, und das bedeutet: überhaupt nicht.

Enthemmt–und leider nackt

BoschausschnittTummelplätze zivilisierten Umgangs sind die “social media” – Facebook zumal – gewiss nicht. “Ließe sich aus Pöbeleien Elektrizität gewinnen, könnte fb allein die Welt mit Energie versorgen”, habe ich kürzlich gelesen, fand das überzeugend und habe es geteilt. Es wird nichts nützen. Es mag statistisch belegt sein, dass die Menschheit heute weniger Mord, Totschlag, Kriegs- und andere Greuel erfährt als zuvor in ihrer Geschichte: Die gedankliche Bereitschaft, andere zu verletzen, um sich eigener überlegener Kraft und Wertigkeit zu vergewissern, sei beides auch nur eingebildet – diese Bereitschaft dürfte sich statistischen Erhebungen entziehen. Ob “hate speech” beim Imponiergehabe bleibt oder physischer Gewalt den Weg ebnet, ist die eine Frage.

Wenn demokratische Staaten mit halbwegs florierender Wirtschaft und funktionstüchtigem Rechtssystem sich darum bemühen, aggressive und auf Dominanz zielende Impulse von Einzelnen und Gruppen aufzufangen, gar fürs Gemeinwesen produktiv werden zu lassen, indem sie selbst divergenten Kulturen und bizarren Persönlichkeiten Freiräume öffnen und sie erhalten, werden sie zugleich gewärtigen müssen, dass auch die unerfreulichsten Geisteshaltungen sich ihre Nischen suchen. Dann wäre die nächste Frage, ob eine Gesellschaft sogleich mit dem Eisernen Besen “Wehret den Anfängen” üben oder es auf den praktischen Beweis ihrer Reife und überlegener Strategien ankommen lassen will.

Vermutlich bin ich nicht ganz allein, wenn ich unserem Gemeinwesen zutraue, ohne Zensur, ohne staatliche Überwachung à la Stasi, ohne Prüfungen von Religion oder anderen persönlich ausgeprägten Gesinnungen auszukommen. Dass sich gewaltbereite Minderheiten über die Strukturen von Staat und Gesellschaft erheben, Angst und Schrecken verbreiten, Mehrheiten für die Selbstermächtigung gewinnen können wie in Zeiten der Weimarer Republik – fürchten das nicht nur Hasenfüße mit wenig eigenem Engagement für unser dem Totalitarismus und der Spaltung entwachsenes Gemeinwesen? Die Menschen in meiner Umgebung halte ich allesamt für souverän und standfest genug, Dichotomiefallen zu vermeiden, die gern von Medien und Parteigängern des Musters “Wo wir sind, sind die Guten, alles andere gehört zu den Bösen” aufgestellt werden.

Möglicherweise alleine stehe ich da, wenn ich “Filterblasen” in den fb, g+, twitter, xing, linkedin etc. nicht schlimm finde. Für mich bedeutet Freiheit vor allem die Freiheit Nein sagen zu dürfen – und wenn ich keine Lust auf Pöbeleien habe, dann meide ich die Gesellschaft von Leuten, die das Pöbeln als Ausdrucksform ihres Selbstgefühls brauchen und praktizieren. Klar: In jungen Jahren bin ich keinem Scharmützel aus dem Weg gegangen, das ich für unvermeidlich hielt, und ich denke nicht daran, der heutigen Jugend ihre Erfahrungen mit Konflikten zu ersparen – die Jüngeren können angesichts gut entwickelter einschlägiger Methoden sowieso schon vieles besser machen als wir. Wenn sie wollen. Wer allerdings heute nicht die Minimalkriterien gesitteten Umgangs erfüllt, die mir seinerzeit von meiner Großmutter auf den Weg gegeben wurden, dem weise ich die Tür aus meiner Wohnung so gut wie aus meiner “Filterblase”.

Mögen die Parteigänger – egal welcher Glaubensrichtung – in der Demokratie nicht mehr als ihre Chance sehen, aggressiv ihre Vorurteile in die Welt zu setzen und Anspruch auf die eigene Vorherrschaft zu erheben, mögen sie vollkommen enthemmt pöbeln, verunglimpfen, hetzen: Sie zeigen sich nackt. Ich bezweifle, dass dieser Anblick auf viel mehr als Ihresgleichen anziehend wirkt.

Das Unrecht anderswo – und unser Recht

Goya_War2Wenn wir wollen, dass in als "Gottesstaat" verfassten Ländern ein anderes Denken, andere Haltungen Wurzeln schlagen als die despotische Mechanik von Befehl und Gehorsam,  dann müssen wir Demokratie vorleben. Werte wie das Recht auf Bildung, freie Meinungsäußerung, eine Justiz ohne religiöse, sonstwie ideologische, genderspezifische, von Macht und Eigentum diktierte Präferenz; der Verzicht auf von Feindbildern getriebene Eskalation in Konflikten verstehen sich auch bei uns nicht von selbst. Geld- und Machtinteressen widersprechen demokratischen Regeln, werden sie gebrochen, ist das Stoff für die Propaganda autoritärer Systeme.
Andererseits: Jeder Mensch kann Demokratie und Menschenrechten bei uns voran helfen – egal woher er kommt oder wofür er eintritt. “Auch das schlechteste Modell taugt, etwas daraus zu lernen”, sagt der Physiker. Hören wir also genau zu, wenn sich Menschen kritisch “gegen den Westen” äußern; zahlen wir Hetzern und Pöblern nicht mit gleicher Münze zurück. Es mag uns gegen den Strich gehen, aber wir wollen Konflikte intelligenter lösen, nicht Gleiches mit Gleichem vergelten – oder?
Diktaturen sind gekommen und gegangen, überall. Was sie an ihr Ende brachte, wirkt fort, wenn wir im politischen Alltagsreden und -handeln nicht ängstlich auf das Steinzeitmodell des "Draufschlagens", geschweige das des totalitären "Ausmerzens" zurückfallen. Das bedeutet freilich, nicht auf einfache Lösungen zu hoffen. Das folgende Gedicht entstand in den 80er Jahren – es mag als Lyrik wenig taugen, erledigt hat es sich darum noch nicht.

Überall Krieg …

mit verbundenen Augen

Stürzen sich Kinder in Schwaden von Gift

Einpeitscher leiern den Trauergesang

Heizen den Hass und feiern den Mord

Nie waren die Listen der Toten so lang

Nie profitabler die Waffen verschifft

Nie die Welt so ein einziger Ort.

Überall siegen, die da reden vom Sieg

Reden von Gott oder Revolution

Masken von Geld und Macht

Reden von Ehre und Nation

Krankheit und Hunger leben davon

Und überall wird Nacht.

Weshalb Tiefdruckgebiete das Gemüt belasten

2013-05-12 14.16.15Dass wir ein trübes, graues und niederschlagsreiches Jahr erleben, ist nicht ungewöhnlich. Aber es fordert den gewöhnlichen Voluntarismus heraus. Es empört ihn. Er hat sich an den Gedanken gewöhnt, die Welt, also auch Wetter und Klima, ließen sich nach seinen Wünschen einrichten. Die Natur hat sich gefälligst auf Wochenenden, Brückentage und Urlaubsplanungen einzustellen. Schlechtes Wetter darf stattfinden, wenn Mensch einer – oft mit Verdruss ausgeübten – Erwerbstätigkeit nachgeht, wenn also Sauwetterzeit nicht Freizeit ist. Diese Freizeit ist des modernen AnGestellten Heiligstes, schon der Nachwuchs wird in den Schulen entsprechend konditioniert.

Entlockt ihm die Drohung, das Industriezeitalter, dem er Wohlstand, Gesundheit und eine stark erhöhte Lebenserwartung verdankt, münde in eine Klimaerwärmung, nur ein Lächeln, da sie ja den Ostseeurlaub dem auf Mallorca gleichstellt, wecken kalte Wintertage seine Spottlust gegenüber den Propheten der Potsdamer Klimakirche mit Erzbischof Schellnhuber an der Spitze, so werden ihm doch Wochen mit undichten grauen Wassersäcken am Himmel zur Seelenqual. Kein Grillabend, nirgends.

So etwas empört alle. Der Einzelhandel gerät aus dem Rhythmus der Grillkohle- und Schlussverkäufe, Gastronomen leiden Not, Energiepreise steigen, Spargel und Erdbeeren sind teuer und geschmacksarm, Depressionen werden endemisch. Nur eines ändert sich nicht: die Massen von Müll wachsen und verwandeln als Abgase, Abwässer, Abfalldeponien,  Lichtverschmutzung unseren Planeten in einen unheimeligen, gar unheimlichen Ort. Immer weniger Reservate taugen, dem Urlaubenden ein Gefühl heiler, sonniger Natur (“Die Sonne schickt uns keine Rechnung!”) vorzugaukeln – sich dorthin zu flüchten, wird zum Privileg der Superreichen.

Tiere und Pflanzen haben’s leicht: Sie passen sich an oder sterben aus. Das will der Voluntarist nicht. Er sucht sein Heil bei Windmühlen, Solarzellen, E-Mobilen. So kann er weiter produzieren, verkehren, verzehren. Dass Windmühlen, massenhaft in die Landschaft gestellt, die Energieflüsse der Atmosphäre verändern, dass Hoch- und Tiefdruckgebiete bei derart veränderten Randbedingungen sich umgestalten, so dass Wolkenzüge womöglich nicht mehr abreißen, dass Europa, Ort sauberer Fabriken, seine weniger sauberen Fertigungsstätten für Solarmodule, seinen exorbitanten Ressourcenverschleiß, seinen Müll überallhin exportiert, ist dem vom Regen gequälten Moralökologen Tofu. Wurst ist ihm verdächtig, der eigene Verschleißanteil an Natur nicht. Er will bleiben wie er ist: Die Umweltschweine sind die anderen. Also sollen gefälligst die Chinesen, Inder, Indonesier, Brasilianer darauf verzichten, europäischen oder US-amerikanischen Lebensstandard zu erreichen. Sie machen schließlich den meisten Dreck und Kernkraftwerke betreiben sie obendrein.

Und jetzt kommt’s: Die Natur spielt dabei einfach nicht mit! Ausgerechnet den Saubermännern verhagelt sie die Freizeit! Dabei war es doch so wunderbar, Opfern von Hurricans, Tornados, Tsunamis, Fluten, Waldbränden, Erdbeben mit überreicher Barmherzigkeit zu demonstrieren, dass Wohlstand mit überlegener Moral einhergehen kann, wenn nur die richtigen Weltbilder den Blick auf die Müllberge, Gaswolken, Giftströme verstellen, die vom eigenen Territorium in entlegene Weltgegenden verschoben werden! Was tut die Natur? Sie bestraft das gute Gewissen durch Monate schlechten Wetters! Und niemand spendet für die tiefdruckverfolgten Deutschen!

Da kann doch irgendetwas nicht stimmen!