Fragen nach Sinn und Ziel

RaedernThetriumphofdeath_-_detailKrisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in „Failed States“ treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen – darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend…!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung – koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten „Gestelle“ (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.kosmos_200

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online – so viel Sie mögen – und stellen Sie Ihre Fragen.

„Der menschliche Kosmos“ ist nämlich Ihrer.

Einsame Größe, Netzwerk fürs Leben: Die Pilze

Buchcover

Wer das Staunen nicht verlernt hat, für den ist dieses Buch ein Fest. Robert Hofrichter hat das Verwundern seiner Kinderzeit über Artenreichtum, Formenvielfalt und delikaten Geschmack der Pilze zum Beruf gemacht: Er ist ein leidenschaftlicher Pilzforscher geworden. Er hat dabei, obwohl er über wahrhaft erschöpfende Kenntnisse verfügt, die Neugier ebenso bewahrt wie seine Entdeckerfreude – über die eigenen Arbeiten hinaus. Damit hat er mich derart angesteckt, dass ich unmöglich sagen könnte, welches der 16 Kapitel mich am meisten gefesselt hat.

Hofrichter führt seine Leser durchs unterirdische Reich der Mykorrhiza, wo die Wurzeln der Pflanzen von Pilzen umwoben werden, manche sogar Pilzfäden in ihr Inneres aufnehmen: Beider Stoffwechsel ergänzen einander – „bis dass der Tod sie scheidet“. Tatsächlich ist dieses Sachbuch voller Poesie, und zwar völlig kitschfrei und ohne anthropomorphe Sperenzchen. Sein sympathischer Grundton ist die Liebe des Autors zu seinem Gegenstand: Pilze sind ihm exemplarisch für das große, kostbare Geschenk des Lebens. Er erzählt, wie er seine Frau auf einer Pilzwanderung kennenlernte, wie beide alljährlich das Wachsen und den Wandel dieser eigenartigen Wesen verfolgen, er reist mit uns über Kontinente, durch Wüsten und Meere, er reist Jahrmillionen zurück in die Entwicklungsgeschichte oder in die Steinzeit, als „Ötzi“ den Zunderschwamm, einen Baumpilz, zum Feuer machen und als Heilmittel nutzte. Die alltägliche Begegnung mit dem Speisepilz verbindet er mit kulturhistorischen Anekdoten über Giftmörder, er kennt sich mit Pilzen im Schamanismus, in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) so gut aus wie in der Mikrobiologie, er zeigt, wie Blattschneiderameisen und Termiten lange vorm Menschen Pilze züchteten. Wir erfahren beim Lesen etwas über die Systematik der Biologie, und wie sie durch immer neue Erkenntnisse von Pilzen – etwa über Flechten – umgewälzt wird. Hofrichter erzählt das alles unangestrengt und unterhaltsam. Das kann nur einer, der gleichermaßen für seine Wissenschaft, fürs Schreiben und die Pädagogik begabt ist. Er verbindet Detailschärfe mit souveränem Überblick.

Zu dieser Befähigung gehört auch, wie er seine Quellen nutzt: Hofrichter bindet Zitate geschickt ein, merkt sorgsam an, bekundet historischen und zeitgenössischen Forschern seinen Respekt. Register und Fotos werden viele Pilzsucher anregen. Zum Schluss, nachdem er Arten- und Formenreichtum der Pilze,  ihr Miteinander mit anderen Lebensformen und den unschätzbaren Wert für die Natur und uns Menschen noch einmal gewürdigt hat, schaut Hofrichter in die Zukunft: Da bleibt unendlich viel zu erforschen, nicht nur was die Eigenarten der Pilze, sondern auch was ihre Rolle in der Biotechnologie und Ökologie anlangt.

Ich gestehe, kein unvoreingenommener Leser zu sein, denn ich bin von Kindesbeinen an „Pilzfan“. Das heißt: Publikationen zum Thema lese ich womöglich besonders kritisch. Wer Kindern Natur und Naturforscher nahebringen möchte – egal ob als Eltern, Lehrer oder in einer Organisation – darf sich getrost diesem Buch anvertrauen, denn es beweist, dass Unverstandenes, Unbeachtetes, Seltsames, auch Irrtümer die Arbeit des Forschers leiten – nicht das quotenverstärkt Banale und das vermeintlich am besten Verkäufliche. In diesem Sinn wäre ihm ein weniger werbeschwülstiger und einfallsloser Titel zu wünschen gewesen.

Robert Hofrichter „Das geheimnisvolle Leben der Pilze – Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt“, Gütersloher Verlagshaus, 240 Seiten, 19,99 €

Die Wahrheit der Zerrspiegel

Emans_BekenntnisDas ist ein erstaunliches Buch. An seinem Anfang steht eine Mordbeichte. Ein Mörder als Erzähler wäre noch nichts Ungewöhnliches, aber ich las mit wachsendem Interesse, weil dieser Willem Termeer mich durch seine Lebensgeschichte führte wie durch ein Kabinett aus Zerrspiegeln. Solche Räume belustigten zur Entstehungszeit des Romans – Ende des 19. Jahrhunderts – auf Jahrmärkten Jung und Alt, in den Tagen der „virtual Reality“ wirken sie antiquiert. Ganz anders dieser 1894 erschienene Roman. Der Holländer Marcellus Emants war seinerzeit er ein bekannter Autor, die deutsche Wikipedia kennt ihn (noch) nicht. Das sollte sich ändern.

Vor allem aus Genauigkeit gewinnt dieses Bekenntnis seine Anziehungskraft. Die unaufgeregte, bisweilen umständliche Sprache passt zur Hauptfigur, dem 35jährigen Willem Termeer: Er schildert das Geschehen nicht besonders spannungsvoll, pointenreich und farbig, er analysiert vielmehr akribisch das eigene Denken und Fühlen, ebenso das der Menschen um sich herum – und dabei wird seine verkrümmte, von Argwohn, Neid, mangelnder Empathie beherrschte Wahrnehmung deutlich. Das hat mich nicht nur am Lesen gehalten, es war fesselnder Stoff fürs Nachdenken über eigene Wahrnehmungsfehler. Den bekanntesten benennt schon die Bibel: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7, Vers 3). Dutzende Lebenssituationen offenbaren Penetranz und Facettenreichtum dieses verstellten Blicks, auch die Dialoge mit Eltern, mit der Ehefrau Anna, mit dem ehemaligen Pfarrer de Kantere, der die Krise zu entschärfen sucht, Anna verehrt, aber von ihr abgewiesen wird. Nur Annas Festhalten an ihrer Pflicht als Ehefrau – selbst nach dem frühen Tod ihres Kindes – ist heute schwer vorstellbar.

Emants‘ Kabinett der Seelen-Spiegel hielt mich über viele Seiten fest: Sie mögen verzerren, aber sie sind scharf, viel schärfer als die meisten heutigen Versuche von Journalisten und „Krimiautoren“, Psychogramme von Mördern zu zeichnen. Der Protagonist irrlichtert zwischen erwünschter, zugleich verhasster „Normalität“ und seiner wahnhaften Selbstüberhebung, bleibt dabei äußerlich unscheinbar, unauffällig in seinen Alltagsgewohnheiten, man mag ihn nicht, kommt ihm gleichwohl gefährlich nahe, auch das macht den Roman lesenswert – und aktuell.

Willem Termeer erzählt, wie er im Soziotop Schule gedemütigt wurde, sich als ausgegrenzter Versager fühlte, wie sich daraus ein Grundkonflikt entwickelt: Er will einerseits dazu gehören, andererseits wird er zunehmend vom Argwohn gegen alles „Normale“ besessen, das ihn ablehnt. Das Elternhaus ist weder Rückhalt noch Korrektiv. Dort gibt es eine Sicherheit ohne tieferes Interesse: Das Geld reicht, um aufkommende Probleme des Nachwuchses ignorieren zu können, aber es fehlen Zuneigung und Ziele, die den Jugendlichen an Verantwortung binden. Nichts weist übers gewohnte Maß hinaus. Als Willem absichtlich Prüfungen vergeigt, erhärtet die demütigende Aussprache mit Vater und Mutter nur die narzisstische Kränkung, der er sich schon anverwandelt hat: Er ist der immer zu kurz Kommende. Argwohn dominiert sein Denken und Tun – ein Vorgang von bestürzender Aktualität.

2002 zog sich Robert Steinhäuser, vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt verwiesener Schüler, eine schwarze Kapuze über, nahm eine Pistole, erschoss 15 Mitschüler und Lehrer, am Ende sich selbst. Er sah sich gedemütigt, ungerecht behandelt, unterschätzt. Er wollte „es allen zeigen“ – und wurde tatsächlich überlebensgroß, wenn auch nur für die kurzen Bildsequenzen, in der Medien eine solche Sau heute durchs Dorf treiben, sie allenfalls zu Jahrestagen oder zum Vergleich mit anderen amokhaften Verbrechen servieren. Willem Termeer verkündet, dass der Mord an seiner Frau Anna ein Aufschrei gegen die Welt der „normalen“ Menschheit sein solle, von der sie mit ihrem Verständnis von ehelichem Zusammenleben nur eine Exponentin gewesen sei.

Gregor Seferenz hat den Roman aus dem Niederländischen übersetzt. John Maxwell Coetzee hat zum Roman ein kluges Nachwort geschrieben, das Biographie, Motive und Stil des Autors erörtert. Der Nobelpreisträger hält autobiographisches Erleben für eine unverzichtbare Quelle des Schreibens, Emants ist gewiss ein gutes Beispiel: Aus seinen drei Ehen dürfte er reichlich geschöpft haben. Wie seine Romanfigur Termeer hat er die berufliche Ausbildung abgebrochen, konnte vom Geld der Eltern leben, schaffte es allerdings in die Öffentlichkeit, anders als sein „Held“, dessen autobiographisch gefärbte Novelle vom Verlag wegen „Bedeutungslosigkeit“ abgelehnt wird. „Die Novelle war eine schonungslose Offenbarung meiner geheimsten Gefühle“, meint der und hält es für eine „Verurteilung meines gesamten Seelenlebens“, zurückgewiesen zu werden. Nicht nur damit spielt Emants auf die narzisstischen Antriebe jeglicher Künstlerschaft an. Selbstironisch lässt er Termeer nach einem Theaterbesuch seines Stückes „Der Artist“ urteilen, es habe „aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem Künstler und mir einen tiefen Eindruck“ hinterlassen.

Mich beeindruckte Emants‘ Roman wegen der psychologisch präzisen Innenansicht einer Person, die heute so real erscheint wie vor 120 Jahren. Die Ausgabe von Manesse gefiel mir auch deshalb, weil sie Lesern Anmerkungen an die Hand gibt, wenn im Buch kaum mehr geläufige Begriffe des Fin de Siècle auftauchen.

Marcellus Emants

„Ein nachgelassenes Bekenntnis“

Manesse Verlag, 26,95 €

Der menschliche Kosmos – Kapitel 3 (1)

Ab heute online im Weblog zum Buch: das überarbeitete und etwas erweiterte Kapitel über
Die Entdeckung und Verstellung des Körpers:
Wie durch „Objektivität“ dem Leib die Seele und dem Diskurs der Sinn ausgetrieben wird. Das Elend der Schulen.

Die Grinsekatze aus "Alice im Wunderland"
Die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“

Als Kind bewunderte ich die Katze unserer Nachbarin, weil sie auf die Klinke der Küchentür springen konnte und sich so ohne menschliche Hilfe die Tür öffnete. Die Katze verfehlte die Klinke nie. Sie fixierte vom Boden aus ihr Ziel, spannte ihre Muskeln, wobei ihr ganzer geschmeidiger Körper sich wie eine Faust zu ballen schien, sprang und balancierte genau jene halbe Sekunde lang auf dem Griff, bis ihr Gewicht ihn nach unten gedrückt hatte. Bevor sie von der schräg stehenden Klinke abrutschen konnte, war sie schon auf allen Vieren gelandet und verschwand mit erhobenem Schwanz im Flur.
Weder hatte jemand der Katze das Kunststück beigebracht, noch wusste irgendeiner, ob und wie viele Fehlversuche nötig waren, bis das gewitzte Tier es beherrschte. Niemand hatte sie üben, noch beim Sprung auf die falsche, äußere Klinke der Tür scheitern sehen. Auf jeden Fall aber lief das Türöffnen mit einem unglaublich präzisen Gespür für Rhythmus und räumliche Koordination ab, und soviel ist sicher: bevor die Katze sprang, war das gesamte ebenso komplexe wie stimmige Bewegungsprogramm ihrer Nerven, Sehnen und Muskeln fertig. Sie antizipierte das Ergebnis des Sprunges – die Landung auf der Klinke – und dann startete sie.
Auch Menschen – z.B. Artisten – erstaunen uns mit Leistungen körperlichen Antizipierens. Das setzt eine besonders gute Wahrnehmung, innere Koordination und physische Kraft und Beweglichkeit voraus. Antizipation ist aber eigentlich etwas so Alltägliches, dass normalerweise niemand darüber ein Wort verliert. Bei jedem Aufstehen von einem Stuhl läuft ein komplexes Bewegungsprogramm ab und es würde Wahrnehmungsfähigkeit und Konzentration überfordern, alle die dabei ablaufenden Muskelspannungen und -entspannungen jede für sich einzeln zu initiieren.
Weiter zu Abschnitt (2)

Monument für den Gröcil

Bundesarchiv_Bild_146-1972-028-14,_Anschluss_ÖsterreichBetrachtet einer die Milliarden, die in den vergangenen hundert Jahren – in den letzten achtzig zumal – Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunkanstalten, TV-, Filmproduktionen, Verlage, kurz: Dienstleister des Zeitgeistes verdienten, indem sie sich mit Adolf Hitler befassten, dann erhebt sich die Frage, ob der Fluch des Regimes für sie nicht ein wahrer Segen war und bleibt.

Genau beziffern lässt sich wohl nie, wieviel Gewinn am quotentauglichen Thema “Gröfaz” (für die weniger trainierten jungen Leser: “Größter Führer aller Zeiten”) gemacht wurde – es ist jedenfalls ein kolossaler Haufen Geld. Übertrieben ist es nicht, wenn ein Anonymus im Kommentar eines Weblogs dem gebürtigen Österreicher, der infolge deutscher Schwarmintelligenz zum Anführer einiger Millionen Helden, Aufpasser, williger Helfer bei Experimenten an lebenden Menschen wurde, heute den Titel Gröcil (“Größter Content- und Ideenlieferant”) verleiht.

Die Wertschätzung für ihn hält sich dennoch in Grenzen. Ohne irgendwem einen Vorwurf daraus machen zu wollen: der Gröcil hat, gemessen an den von ihm generierten Einnahmen und Aufmerksamkeitswellen, viel Undank bei den Medien geerntet . Die neueste Ausgabe von “brand eins” lässt indes hoffen: Nordkoreas konkurrenzloser Hersteller von Megadenkmälern insbesondere für göttergleiche Führer oder andere Symbolfiguren wurde dort ausführlich porträtiert. Aus sicheren Qualimed-Quellen (kein Pharmaunternehmen, sondern die Interessen- und Worthülsengemeinschaft deutscher Qualitätsmedien) kommen Hinweise, dass eine gemeinsame Initiative aller deutscher Leistungsschützer ein 55 Meter hohes Denkmal für den Gröcil in Auftrag geben will. Nur der Standort ist strittig, favorisiert wird allerdings der größte Nutznießer in Hamburg. Gerüchte, wonach eine Fertigstellung eigentlich schon zum Abschied von Guido Knopp geplant, wegen eines Einspruchs aus Pjöngjang aber verschoben wurde, ließen sich nicht bestätigen.

Im Duell quick and dirty

Demnächst veröffentliche ich im Weblog zum Buch die überarbeitete Fassung von “Der menschliche Kosmos”, Kapitel 3, Darin spielt der Begriff der Antizipation eine wesentliche Rolle. Gemeint ist das seltsame, aber messbare Phänomen, dass Gehirn und Körper mit einer Handlung längst fertig sind, wenn wir darüber zu entscheiden meinen. Der Quantenphysiker Nils Bohr hat das anhand eines Duells mit Spielzeugpistolen seinen Mitarbeitern einmal veranschaulicht: Wer zuerst schoss, verlor meistens, wer nur reagierte – natürlich Bohr selbst – war schneller. Der Spaß ist inzwischen experimentell untermauert. Während der erste bewusst entscheiden musste, antizipierte der zweite die Aktion. Tennisspieler, Squasher und andere Ballspieler kennen das Phänomen unterm Schlagwort “Wer denkt, hat verloren”.

Die Antizipation ist schneller, aber auch mit mehr Fehlerrisiko behaftet, salopp gesprochen “quick and dirty”.

Wie unvermeidlich wir im Alltag antizipieren, also Urteile fällen und Entscheidungen treffen, ohne für komplexe Sachverhalte auch nur annährend vollständige Informationen zu haben, geschweige sie bewerten zu können, zeigt sich besonders, wenn wir Menschen einschätzen. Der “erste Eindruck” (“quick”) prägt unser nonverbales Verhalten augenblicklich. Begrüßungsrituale, Konventionen der kulturell geprägten “display rules” verhindern, dass es in der Folge “dirty” wird und zu schwer korrigierbaren Zusammenstößen kommt.

Bei Nietzsche findet sich dazu in “Menschliches Allzumenschliches” ein interessanter Artikel (32. Ungerechtsein notwendig):

Friedrich Nietzsche ca. 1875“Alle Urteile über den Wert des Lebens sind unlogisch entwickelt und deshalb ungerecht. Die Unreinheit des Urteils liegt erstens in der Art, wie das Material vorliegt, nämlich sehr unvollständig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe gebildet wird, und drittens darin, dass jedes einzelne Stück des Materials wieder das Resultat unreinen Erkennens ist und zwar dies mit voller Notwendigkeit. Keine Erfahrung zum Beispiel über einen Menschen, stünde er uns auch noch so nah, kann vollständig sein, so dass wir ein logisches Recht zu einer Gesamtabschätzung desselben hätten; alle Schätzungen sind voreilig und müssen es sein. Endlich ist das Maß, womit wir messen, unser Wesen, keine unabänderliche Größe, wir haben Stimmungen und Schwankungen, und doch müssten wir uns selbst als ein festes Maß kennen, um das Verhältnis irgend einer Sache zu uns gerecht abzuschätzen. Vielleicht wird aus alledem folgen, dass man gar nicht urteilen sollte; wenn man aber nur leben könnte, ohne abzuschätzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben! — denn alles Abgeneigtsein hängt mit einer Schätzung zusammen, ebenso alles Geneigtsein. Ein Trieb zu Etwas oder von Etwas weg, ohne ein Gefühl davon, dass man das Förderliche wolle, dem Schädlichen ausweiche, ein Trieb ohne eine Art von erkennender Abschätzung über den Wert des Zieles, existiert beim Menschen nicht. Wir sind von vornherein unlogische und daher ungerechte Wesen, und können dies erkennen: dies ist eine der größten und unauflösbarsten Disharmonien des Daseins.”

Schöne Einsamkeit

Fiddler_crab

Was tut einer wie ich, abends spät noch vorm Rechner sitzend, müde vom Rauschen der für Quoten und Kommerz kanalisierten Informationen und Meinungen? Er sinnt über Zukünftiges nach, er ist froh, dass die Aufregungen, Empörungen, Begierden aufbrandender Medienwogen im geduldigen Sand des Alltags verebben. Ihrer Wucht widerstehen ununterscheidbare Sandkörner, denen jederzeit egal ist, was ihnen geschieht, wohin es sie treibt: Die Energie der Wellen erschöpft sich in folgenlosen Umsortierungen, Strand bleibt Strand. Mindestens Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche müssen geschehen, um Küstenlinien zu ändern – in Zeitspannen, die wir uns vorstellen können, geschieht so etwas kaum.

Deutschlands Küsten sind flach, die Naturgewalten verschonen seine Bewohner glücklicherweise.

Hier stutzt der schläfrige Blogger: Ausgerechnet das Staatsvolk eines von solchen Katastrophen nicht bedrohten Landes hat sein Glück, seine wissenschaftliche und technische Potenz, seine vielfältige und reiche Kultur, den ausgemachten Wohlstand der Mehrheit innerhalb eines Jahrhunderts zweimal vollkommen ruiniert für ein paar Hundert Kilometer mehr an Küstenlinie, hat sich obendrein den Ruf diktaturtauglicher Mitläufer erworben. Dieses Volk durfte sich bestenfalls darüber freuen, als Weltmeister technischer und sportlicher Präzision geachtet zu werden, es wird mittlerweile gelobt, weil es das Schwenken von Fahnen nicht mehr zwanghaft mit militärischem Größenwahn verbindet, sondern darin fast so selbstverständlich Leistungen Einzelner vergesellschaftet, wie’s Amerikaner, Russen oder Chinesen tun. Dieses Volk ist befriedet, sogar bewundert. Aber ist es damit zufrieden?

Wäre es so, wäre es nur eine andere Form von Katastrophe. Es wäre jene Sorte Selbstzufriedenheit, die ein untergegangenes Staatswesen namens DDR mit Beton und brutalen Strafen gegen Nestbeschmutzer aufrechterhielt: mit einer Strategie zum Tod. Die Deutschen haben gelernt, dass über ihr Schicksal in Moskau, Washington, New York, Singapur, Peking entschieden wird, in globalen Konzernzentralen, auch in Afrika, Israel oder Afghanistan – jedenfalls nicht in Berlin oder Brüssel. Die Medien umspülen uns mit dieser Sorte Gewissheiten.

Haben wir nicht dennoch die Wahl, ob wir uns wie Sandkörner verhalten wollen, oder doch mal schauen, was die Natur sonst noch an intelligenten Strategien erfand?

Unter Sandkörnern überleben in der Brandung die merkwürdigsten Wesen.