Ein “Oscar” für die Wissenschaft

Jpeg

Senne, Wald und Meer…

Fast drei Jahre lang – von 2013 bis 2016 – war ich als Medienreferent für das Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, in Braunschweig tätig. In dieser Zeit sind etliche Filme entstanden, zum Abschied verliehen mir die Kolleginnen und Kollegen des Präsidialbüros einen “Oscar” mit passender Widmung. In der Videothek stammen die ersten neun von mir – d.h. ich war als Kameramann unterwegs, editierte mit meiner jungen Kollegin Annemarie Schütz in Rostock die Filme und las die Sprechertexte ein, die in Zusammenarbeit mit den Fachwissenschaftlern entstanden waren. Die Vielzahl von Themen allein machte die Arbeit spannend, und ein Jahr nach meine “Verrentung” (schreckliches Bürokratenwort) schaue ich dankbar zurück.

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BZE-Film

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Reißende Keilriemen und anderes Missgeschick

Keilriemen-V-BeltBei Tempo 180 auf der Autobahn reißt an meinem Auto der Keilriemen. Nicht schön, weil’s kalt ist und der vorbeirasende Autostrom ungemütlich. Vielen passieren solche und ähnliche Pannen – manch einer reagiert überraschend heftig.

Es mag weitaus schlimmeres  Unglück geben, aber gerade die kleinen Teufeleien des Alltags treiben zur Weißglut. Die Psychologie hat das Phänomen vermutlich erschöpfend untersucht, gleichwohl verdirbt es einem immer wieder mit überraschender Heftigkeit die Laune: Als “Tücke des Objekts” wurde es zum geflügelten Wort. Erstmals benannt hat sie der Philosoph Friedrich Theodor Vischer in seinem 1879 erschienenen, seinerzeit sehr erfolgreichen Roman “Auch Einer – eine Reisebekanntschaft”.

Abergläubische sehen Teufel, Hexen, Dämonen am Werk, wenn sie trotz aller Vorsicht doch das Kabel des Rasenmähers überfahren und kappen, der Computer einfach nicht tut, was er soll, überhaupt technisches Gerät ohne Ursache und Anlass streikt. Aufgeklärtere vermuten böse Mächte des Kapitalismus dahinter – Stichwort geplante Obsoleszenz – oder sonst eine Verschwörung. Erstaunlich wenige nur nehmen die kleinen Boshaftigkeiten gelassen, gar mit Humor und als Ergebnis eigenen unzulänglichen Handelns. Immer wieder habe ich nicht nur aus eigenem Erleben konstatiert, dass große Katastrophen weniger emotional aufrühren als diese kleinen, teuflischen Störungen “im Detail”. Beethovens Biograph scheint davon zur Namensgebung für ein berühmtes Rondo – “Wut über den verlorenen Groschen” – inspiriert worden zu sein, auch bei E.T.A. Hoffmann gespenstern an sich harmlose Sachen plötzlich koboldhaft, und nicht selten mündet der Zorn über versagende, widerspenstige Dinge in Attacken, gar Zerstörung. Der folgende Schaden ist viel schlimmer als der Anlass des Ärgers, jede besonnene Reaktion wäre sinnvoller, doch kann Rache auch am tückischen Objekt durchaus süß sein – jedenfalls bis zum Blick auf die Kosten.

Kern dieser Rachegefühle? Mit einem Schlag erlebt einer, dass nicht er Dinge beherrscht, sondern Dinge ihn, und diese Ohnmachtserfahrung ist besonders drastisch, wenn das gewohnheitsmäßig leicht zu Beherrschende sie ihm antut. Die stoische Reaktion auf Brände, Erdbeben, Übergriffe Mächtiger scheint uns Menschen ebenso eigen, wie berserkerhafte auf manch kleines Missgeschick. Und da wir einerseits alles daransetzen, uns mit technischen Mitteln gegen die großen Schläge zu feien, wird offenbar die Wut auf nicht funktionierende Dinge, Dienstleistungen, Planungen – also versagende Sicherheiten – überdimensional. Finden sie das übertrieben? Dann warten sie einfach die nächste Überraschung durch ihren Staubsauger oder ihr Smartphone ab.

Das Unrecht anderswo – und unser Recht

Goya_War2Wenn wir wollen, dass in als "Gottesstaat" verfassten Ländern ein anderes Denken, andere Haltungen Wurzeln schlagen als die despotische Mechanik von Befehl und Gehorsam,  dann müssen wir Demokratie vorleben. Werte wie das Recht auf Bildung, freie Meinungsäußerung, eine Justiz ohne religiöse, sonstwie ideologische, genderspezifische, von Macht und Eigentum diktierte Präferenz; der Verzicht auf von Feindbildern getriebene Eskalation in Konflikten verstehen sich auch bei uns nicht von selbst. Geld- und Machtinteressen widersprechen demokratischen Regeln, werden sie gebrochen, ist das Stoff für die Propaganda autoritärer Systeme.
Andererseits: Jeder Mensch kann Demokratie und Menschenrechten bei uns voran helfen – egal woher er kommt oder wofür er eintritt. “Auch das schlechteste Modell taugt, etwas daraus zu lernen”, sagt der Physiker. Hören wir also genau zu, wenn sich Menschen kritisch “gegen den Westen” äußern; zahlen wir Hetzern und Pöblern nicht mit gleicher Münze zurück. Es mag uns gegen den Strich gehen, aber wir wollen Konflikte intelligenter lösen, nicht Gleiches mit Gleichem vergelten – oder?
Diktaturen sind gekommen und gegangen, überall. Was sie an ihr Ende brachte, wirkt fort, wenn wir im politischen Alltagsreden und -handeln nicht ängstlich auf das Steinzeitmodell des "Draufschlagens", geschweige das des totalitären "Ausmerzens" zurückfallen. Das bedeutet freilich, nicht auf einfache Lösungen zu hoffen. Das folgende Gedicht entstand in den 80er Jahren – es mag als Lyrik wenig taugen, erledigt hat es sich darum noch nicht.

Überall Krieg …

mit verbundenen Augen

Stürzen sich Kinder in Schwaden von Gift

Einpeitscher leiern den Trauergesang

Heizen den Hass und feiern den Mord

Nie waren die Listen der Toten so lang

Nie profitabler die Waffen verschifft

Nie die Welt so ein einziger Ort.

Überall siegen, die da reden vom Sieg

Reden von Gott oder Revolution

Masken von Geld und Macht

Reden von Ehre und Nation

Krankheit und Hunger leben davon

Und überall wird Nacht.

Weshalb Tiefdruckgebiete das Gemüt belasten

2013-05-12 14.16.15Dass wir ein trübes, graues und niederschlagsreiches Jahr erleben, ist nicht ungewöhnlich. Aber es fordert den gewöhnlichen Voluntarismus heraus. Es empört ihn. Er hat sich an den Gedanken gewöhnt, die Welt, also auch Wetter und Klima, ließen sich nach seinen Wünschen einrichten. Die Natur hat sich gefälligst auf Wochenenden, Brückentage und Urlaubsplanungen einzustellen. Schlechtes Wetter darf stattfinden, wenn Mensch einer – oft mit Verdruss ausgeübten – Erwerbstätigkeit nachgeht, wenn also Sauwetterzeit nicht Freizeit ist. Diese Freizeit ist des modernen AnGestellten Heiligstes, schon der Nachwuchs wird in den Schulen entsprechend konditioniert.

Entlockt ihm die Drohung, das Industriezeitalter, dem er Wohlstand, Gesundheit und eine stark erhöhte Lebenserwartung verdankt, münde in eine Klimaerwärmung, nur ein Lächeln, da sie ja den Ostseeurlaub dem auf Mallorca gleichstellt, wecken kalte Wintertage seine Spottlust gegenüber den Propheten der Potsdamer Klimakirche mit Erzbischof Schellnhuber an der Spitze, so werden ihm doch Wochen mit undichten grauen Wassersäcken am Himmel zur Seelenqual. Kein Grillabend, nirgends.

So etwas empört alle. Der Einzelhandel gerät aus dem Rhythmus der Grillkohle- und Schlussverkäufe, Gastronomen leiden Not, Energiepreise steigen, Spargel und Erdbeeren sind teuer und geschmacksarm, Depressionen werden endemisch. Nur eines ändert sich nicht: die Massen von Müll wachsen und verwandeln als Abgase, Abwässer, Abfalldeponien,  Lichtverschmutzung unseren Planeten in einen unheimeligen, gar unheimlichen Ort. Immer weniger Reservate taugen, dem Urlaubenden ein Gefühl heiler, sonniger Natur (“Die Sonne schickt uns keine Rechnung!”) vorzugaukeln – sich dorthin zu flüchten, wird zum Privileg der Superreichen.

Tiere und Pflanzen haben’s leicht: Sie passen sich an oder sterben aus. Das will der Voluntarist nicht. Er sucht sein Heil bei Windmühlen, Solarzellen, E-Mobilen. So kann er weiter produzieren, verkehren, verzehren. Dass Windmühlen, massenhaft in die Landschaft gestellt, die Energieflüsse der Atmosphäre verändern, dass Hoch- und Tiefdruckgebiete bei derart veränderten Randbedingungen sich umgestalten, so dass Wolkenzüge womöglich nicht mehr abreißen, dass Europa, Ort sauberer Fabriken, seine weniger sauberen Fertigungsstätten für Solarmodule, seinen exorbitanten Ressourcenverschleiß, seinen Müll überallhin exportiert, ist dem vom Regen gequälten Moralökologen Tofu. Wurst ist ihm verdächtig, der eigene Verschleißanteil an Natur nicht. Er will bleiben wie er ist: Die Umweltschweine sind die anderen. Also sollen gefälligst die Chinesen, Inder, Indonesier, Brasilianer darauf verzichten, europäischen oder US-amerikanischen Lebensstandard zu erreichen. Sie machen schließlich den meisten Dreck und Kernkraftwerke betreiben sie obendrein.

Und jetzt kommt’s: Die Natur spielt dabei einfach nicht mit! Ausgerechnet den Saubermännern verhagelt sie die Freizeit! Dabei war es doch so wunderbar, Opfern von Hurricans, Tornados, Tsunamis, Fluten, Waldbränden, Erdbeben mit überreicher Barmherzigkeit zu demonstrieren, dass Wohlstand mit überlegener Moral einhergehen kann, wenn nur die richtigen Weltbilder den Blick auf die Müllberge, Gaswolken, Giftströme verstellen, die vom eigenen Territorium in entlegene Weltgegenden verschoben werden! Was tut die Natur? Sie bestraft das gute Gewissen durch Monate schlechten Wetters! Und niemand spendet für die tiefdruckverfolgten Deutschen!

Da kann doch irgendetwas nicht stimmen!

Das Quotenbesäufnis

Caspar_David_Friedrich_006Natürlich hatten sie vollkommen Recht, die Herren Hauptabteilungs-, Abteilungs- und der kommissarische Redaktionsleiter (er brachte es trotz wirklich beachtlicher Leistungen als Radfahrer nie zum etatmäßigen), als sie mir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Stuhl vor die Tür setzten und meinen Vertrag als “fester Freier” nicht verlängerten: einen Nörgler, Quertreiber, Nestbeschmutzer kann eine Anstalt auf dem Weg zur quotenoptimierten Stromlinienform nicht brauchen.

Das traf mich damals hart, meine Einnahmen schrumpften von 100 auf 30%, obendrein gestaltete die Anstaltsbürokratie das Ende eines solchen “Rahmenvertrags” zu einem juristisch makellos abgesicherten “Ende mit Schrecken” aus: Der Verbannte durfte von keiner anderen Redaktion des Senders beschäftigt werden – das bedeutete: zwischen Trier und Heidenheim an der Brenz, Mainz und Friedrichshafen nahm kein Hund mehr ein Stück Brot von mir, falls seine Versorgung irgendwie mit dem SWR zu tun hatte. Ich bin trotzdem nicht sicher, ob sich das Fernsehen von diesem aufwendig und radikal vollzogenen Befreiungsschlag gegen einen penetranten Störenfried bis heute erholt hat.

Es war nicht der erste Hinauswurf meines Lebens. Die finanziellen Einbußen brachten mich für Jahre ins Schleudern, sie demolierten obendrein meine Altersversorgung: Im Gegensatz zur Rente für gut angepasste DDR-Bürger ist meine wegen jahrelanger Berufsverbote im Arbeiter- und Bauernstaat sowieso erbärmlich. Besonders ernst nahm ich diesen Hinauswurf indessen aus anderen Gründen: Die Schikanen des Ostens hatte ich unter anderem deshalb verkraftet, weil ich eine demokratische Öffentlichkeit für wünschenswert hielt und der marxistisch-leninistischen Form von Volksverblödung mit der Überzeugung entgegentrat: es geht auch anders, und das kann man bei den Anstalten des Westens sehen.

Das war ein Irrtum. Misstrauisch wurde ich spätestens an dem Tag, als der Fernsehdirektor verkündete, man habe „trinkbare Informationen“ zu liefern. Das hat funktioniert. Das Programm ist ein einziges Besäufnis: Bier zum Fußball, Wein – halbtrocken zur Volksmusik, trocken zur Talkrunde –, bunte Cocktails für bunte Serien, nette Filmchen, Prosecco für den Boulevard am Vorabend, süffig! Der Rest ist nur mit viel Schnaps zu ertragen. Vor allem die Gesundheitsratgeber. Süffig. Fast schon ein Glück, dass nicht mehr alle mitsaufen wollen. Die Zeche zahlen sie trotzdem.

Ich bin draußen – ich bin froh. Finanziell geht’s mir schlecht, aber ich habe seit dem Rauswurf drei Bücher veröffentlicht, das vierte ist fertig. Sie gehören nicht zum süffigen Teil des enormen Ausstoßes an Gedrucktem, aber sie sind ihr Geld wert – im Gegensatz zu dem, was mir auch künftig die GEZ abknöpfen wird. Das Beste: meine Leser bezahlen freiwillig.

Lachen an der falschen Stelle – Rollenmuster am Arbeitsplatz

StasikindDas folgende Fallbeispiel findet sich auch in der neuen Fassung von „Der menschliche Kosmos“. Soziale Rollenmuster und ihre Verbindung zur modernen Arbeitswelt werden darin thematisiert.

Eine junge Frau aus unserem Bekanntenkreis hat das seltene Talent, über sich selbst lachen zu können. Fällt ihr etwa in einer Gesellschaft ein Glas herunter, dann bricht sie nach einer Schrecksekunde spontan in schallendes Gelächter aus, während die Umstehenden noch pikiert auf Scherben und Weinflecke im Teppich starren. Die Unglückliche bekommt einen roten Kopf, entschuldigt sich und läuft, den Schaden zu beheben, wobei sie die Hand vor den Mund presst, und ihr Körper unter aufwallender Heiterkeit zuckt. Im Freundeskreis trägt ihr diese Reaktion auf eigenes Missgeschick Sympathien ein. Die Begabung hat nur einen Haken: sie bringt alle anderen um den – offenen oder heimlichen – Genuss der Schadenfreude.

Stellen Sie sich vor, ein Abteilungsleiter verstrickt sich während einer Präsentation mit dem Fuß im Kabel des Projektors, reißt das Gerät um, es poltert, der Brenner platzt und alles ist hin. Der Mann könnte im Handumdrehen Ansehen gewinnen, wenn er lachend sein Ungeschick eingesteht – vorausgesehen, dass er nicht vorher schon bodenlos verhasst ist. Was aber, wenn das gleiche einem Angestellten widerfährt?

Sie werden feststellen, dass akzeptierte und inakzeptable Formen des Ausdrucks – Gelächter oder schuldbewusste Verlegenheit, fahriges Murmeln von Entschuldigungen mit abgewandtem Gesicht etc. – von ziemlich genauen Rollenvorgaben abhängen. Diese Rollenvorgaben sind kein Zufall, und Verstöße werden geahndet: mit offen gezeigter Missbilligung, mit verdrehten Augen, mit Schadenfreude.

Zurück zu unserer jungen Frau. Sie arbeitet erfolgreich in einem mittleren Unternehmen, ist dort gut angesehen, denn sie ist ehrgeizig und hilfsbereit, aufgeschlossen und verantwortungsbewusst. Sie zögert nicht, Fehler einzugestehen – und sich darüber lustig zu machen. Ihre unmittelbaren Vorgesetzten aber bringen ihre Bewertung auf die Kurzformel: tüchtig, intelligent – aber arrogant und mit der Neigung, Kompetenzen zu überschreiten. Sie meinen vor allem die Kompetenz der Rollenzuweisung. Für die gelten im Gestell wahrhaft eiserne ungeschriebene und kaum reflektierte Regeln – egal ob in einer staatlichen Behörde oder einem Familienbetrieb. Danach riskieren Sündenböcke, Unglücksraben und Querulanten einiges, wenn sie einfach loslachen.

Vom Leben als Angestellter berichtet Kapitel 2 meines Buches „Der menschliche Kosmos“. Dieses Kapitel ist jetzt als Diskussionsstoff im zugehörigen Weblog veröffentlicht

Erfolgsgeheimnisse

Slide C40675, in Binder L-077D

Insects, Rodents, and Other Animals as Disease Carriers and Pests
Migrant Labor Series

Oriental Roach

1972Worauf gründet der Geschäftserfolg von “Dschungelcamp”, die Anziehungskraft des subkutanen Sadismus von Herrn Bohlen und Frau Klum, die Quoten-sicherheit jeder Sorte Antastung dessen, was laut Grundgesetz unantastbar sein soll?

Hilft das Starren aufs simuliert Scheußliche dabei, das ganz reale Elend nicht wahrnehmen zu müssen?

Tritt jemand einmal einen Schritt zurück und fragt, was es eigentlich ist, das Menschen treibt zu derlei Übergriffen und Ersatzhandlungen?

Solche Fragen führen zu beunruhigenden Gedanken. Sie werden besser gar nicht erst gestellt. Nicht von Anstalten mit grundgesetzlichem Auftrag, geschweige von den als Quoten- und Geldmaschinen funktionierenden Medien der Privatwirtschaft. Nehmen wir also den armen Angestellten dieser Sender solche den eigenen Broterwerb gefährdenden Fragen ab.

Dann wird allerdings der mündige Bürger und Medienkonsument die Antworten selber finden müssen. Sie werden ihm etwas mehr Intelligenz und Mut abverlangen, als der Verzicht auf den Verzehr toter Tiere und das Hochhalten von Transparenten gegen globale Bösewichte, die ihm persönlich deswegen nicht auf den Leib rücken können. Stattdessen wird er sich in echte Konflikte verstricken, sich entscheiden müssen, die Beziehungen zu den Menschen seiner Umgebung wichtiger zu nehmen als Geldanlagen und Risikovorsorge. Es genügt dann nicht, gerade angesagte Regeln politischer Korrektheit einzuhalten.

Erfreulicherweise gibt es Menschen, die derart heikle Fragestellungen zum Ausgangspunkt einer neuen Form des Wirtschaftens machen wollen: einer sinnvollen Wirtschaft, weg von den Sachen, hin zum Menschen. Sie würde uns allen sehr viel Geld (Steuern, Sozialabgaben, Bürokratiekosten) sparen, weil eine solche, eigentlich nur dem Grundgesetz folgende Wirtschaft eine Menge Staat erübrigte. Das ist nicht alles: Arbeit könnte Spaß machen.

Aber wer will das schon: Dann geriete einer in den Ruf, sein Geld nicht sauer verdient zu haben. Und das ist schiere Ketzerei in einer Kultur, in der das Jammern der Angestellten über Qualen des Arbeitenmüssens  – durchdringender noch: über die unerträgliche Bedrohung, seine Anstellung zu verlieren – im Wechsel mit Jubelchören über Urlaub und Brückentage das alles durchdringenden Sozialritual geworden ist.

Machen wir uns nichts vor: das Gros der Angestellten wäre ganz gerne arbeitslos – bei voller Bezahlung (Statistiken reden von 20 % die sowieso schon “innerlich gekündigt” haben). Eigentlich produziert die derzeit herrschende Art der Arbeitsorganisation eine ziemliche Menge „arbeits- (besser: konfliktscheuer) Elemente“ – von denen die meisten eine viel besser bezahlte Anstellung suchen. Wegen des Wachstums. Ob das noch lange gut geht?